Geschäft mit Emanzipation
Kapitál
Fußball ist Politik. Das zeigt sich bei jeder größeren Sportveranstaltung. Dieses Jahr lässt sich jedoch auch sagen, dass Fußball Geopolitik ist. Im März griffen die Vereinigten Staaten Iran an. Die USA sollen das iranische Team bei der kommenden Weltmeisterschaft beherbergen, was für Aufregung sorgt. Die iranischen Fußballspielerinnen hingegen bereiteten dem heimischen Regime durch ihren stillen Protest in Australien große Kopfschmerzen. Im Fall der Iranerinnen ist die Redewendung über Politik noch komplexer — es geht nicht nur um traditionelles Geld und Einfluss, sondern auch um Kontrolle und Nutzung weiblicher Körper. Das zeigte sich schließlich in den Reaktionen der FIFA, der Vereinigten Staaten und Irans.
Fußball ist Politik. Das zeigt sich bei jeder größeren Sportveranstaltung. Dieses Jahr lässt sich jedoch auch sagen, dass Fußball Geopolitik ist. Im März griffen die Vereinigten Staaten Amerika den Iran an. Die USA sollen dabei die iranische Mannschaft bei der kommenden Weltmeisterschaft empfangen, um die es viel Aufregung gibt. Die iranischen Fußballspielerinnen hingegen machten den heimischen Regime durch ihren stillen Protest in Australien schwer zu schaffen. Im Fall der Iranerinnen ist die Redewendung über Politik noch komplexer — es geht nicht nur um traditionelle Geld- und Machtspiele, sondern um Kontrolle und Nutzung weiblicher Körper. Das zeigte sich schließlich in den Reaktionen der FIFA, der Vereinigten Staaten und des Iran.
Das iranische Frauen-Nationalteam flog im Februar 2026 nach Australien zum Asien-Cup. Einen Tag vor dem ersten Spiel der iranischen Löwinnen, wie sie zuhause genannt werden, gegen Südkorea, griffen amerikanische und israelische Streitkräfte den Iran an und töteten den höchsten Führer Ali Chamenei sowie etwa 170 weitere Menschen, darunter Kinder aus der Mädchenschule Mináb. Die Spielerinnen traten am 2. März auf den Rasen. Als die iranische Hymne erklang, standen sie schweigend in einer Reihe und sangen nicht.
Diese Geste, oder vielmehr das Fehlen einer solchen, löste eine Reihe von Ereignissen aus, an denen man fast anschaulich die Funktionsweise von Macht ablesen konnte. In dem Moment, wenn Fußball auf Politik und weibliche Körper trifft, verschwinden Illusionen von Neutralität. Der Moderator des iranischen Staatsfernsehens Mohammad Reza Shahbazi bezeichnete die Spielerinnen als „Verräterinnen“ und forderte harte Strafen. „Verräterinnen müssen im Kriegszustand strenger bestraft werden“, erklärte er. Die Internationale Föderation der Profi-Fußballspieler FIFPRO forderte die FIFA auf, die Spielerinnen zu schützen. Die iranische Diaspora in Australien umstellte währenddessen das Hotel, in dem das Team untergebracht war, und forderte ihren Schutz.
Der Druck wandelte sich schnell in eine Entscheidung. Sechs Spielerinnen und eine Mitglied des Organisationsteams baten in Australien um Asyl. Fünf von ihnen zogen ihre Anträge nach Angst um die Sicherheit ihrer Angehörigen im Iran und wegen der Drohung, dass das iranische Regime Eigentum beschlagnahmen könnte, nach und nach zurück und kehrten zurück. Zwei blieben. Fatemeh Pasandideh und Atefeh Ramezanishad erklärten im April: „Im Moment konzentrieren wir uns vor allem auf unsere Sicherheit, Gesundheit und darauf, wie wir unser Leben hier in Australien neu aufbauen können. Wir sind Spitzensportlerinnen und träumen davon, hier in Australien weiterhin sportlich aktiv zu sein. Aber wir sind noch nicht bereit, öffentlich über unsere Erfahrungen zu sprechen.“
Weiblicher Körper außerhalb der Politik
„Sport sollte außerhalb der Politik stehen“, erklärte im April 2026 Gianni Infantino, Präsident der FIFA. Er sagte dies im Zusammenhang mit der iranischen Männer-Nationalmannschaft, die im Juni an der Weltmeisterschaft teilnehmen soll. Diese findet dieses Jahr in den USA, Mexiko und Kanada statt. Zwei der drei Gruppenspiele Irans werden in Kalifornien ausgetragen, also im Bundesstaat, in dem die größte iranische Diaspora außerhalb des Iran lebt — und in einem Land, das vor einigen Wochen Teheran bombardierte. Ein bedeutender Teil dieser Diaspora in Kalifornien unterstützt die Monarchie und bekennt sich zu Reza Pahlavi, dem Sohn des letzten iranischen Schahs Mohammad Reza Pahlavi. Es ist zu erwarten, dass sie versuchen werden, politische Parolen auf die Tribünen zu bringen.
Der Iran hat zwischenzeitlich um die Verlegung der Spiele nach Mexiko gebeten. Die FIFA lehnte ab, mit Verweis auf logistische Hindernisse. Vielleicht hat sich irgendwo im Hintergrund jemand darüber amüsiert.
Der Satz von der Unpolitizität klingt hier nicht wie eine Beschreibung der Realität, sondern wie deren Rahmung. Umso schärfer klingt es im Licht dessen, was nur wenige Wochen zuvor auf einem australischen Stadion passiert war, wo die iranischen Fußballerinnen schweigend in einer Reihe standen und die Hymne nicht sangen. Auch das ist Fußball. Und genau hier zeigt sich, wie viel Politik in ihm tatsächlich steckt.
Das Gegenteil zu behaupten ist kein neutrales Zeichen. Es ist eine Entscheidung und fast immer zugunsten derjenigen, die aus der bestehenden Ordnung profitieren. Die FIFA nutzt diesen Satz als Schutzschild, wann immer es um Menschenrechte geht. Übrigens hat sich die FIFA zu der Situation der iranischen Spielerinnen nicht geäußert. Gerade in diesem Schweigen beginnt sich die grundlegende Asymmetrie der ganzen Geschichte abzuzeichnen. Frauen- und Männerfußball entspringen derselben Wurzel, nehmen in der Machthierarchie, die sie umgibt, aber unterschiedliche Positionen ein.
Zunächst schauen wir auf den Iran, wo Frauen Fußball mögen, spielen und verfolgen dürfen — aber nur im Verborgenen. Bei Heimspielen der Männerliga auf den Stadien ist ihnen der Zutritt bis heute verboten. Sie dürfen nur bei internationalen Spielen kommen, und auch dann nur in streng begrenzter Zahl. Bei den jüngsten Spielen im Azadi-Stadion in Teheran, das etwa achtzigtausend Plätze hat, standen den Frauen in einem abgetrennten Sektor etwa dreitausend Plätze zur Verfügung.
Der iranische Anthropologe Alireza Hasanzadeh, der das Thema seit zwanzig Jahren vor Ort verfolgt, zeigt, dass die Trennung von Männern und Frauen in rituellen Räumen in Iran vorislamische Wurzeln hat. Das Stadion wird nämlich nicht nur als Sportarena gesehen. Es ist ein regulärer öffentlicher Raum, dessen Grenzen langfristig die Grenzen dessen kopieren, was weibliche Körper tun dürfen und wo sie sein dürfen.
Zwei Jahre nach der Revolution im Jahr 1979 wurden iranische Frauen vollständig von den Stadien ausgeschlossen. Hasanzadeh beschreibt ein Paradox, das für das iranische Regime typisch ist: Frauen dürfen Fußball im Fernsehen verfolgen, an Diskussionen teilnehmen, auf Niederlagen oder Siege reagieren, auf den Straßen feiern — aber sie dürfen nicht physisch anwesend sein. Die physische Anwesenheit ist das Problem, virtuell nicht. Mit anderen Worten: Der Staat toleriert Frauen als Fans nur, wenn er ihren Körper unter Kontrolle hat.
In den letzten Jahren begann diese Kontrolle zu umgehen. Seit 2005 gibt es immer wieder Fälle, in denen Frauen in Stadien in Männerkleidung gelangen. Der Langfilm eines bedeutenden iranischen Regisseurs, Jafar Panahis Offside aus dem Jahr 2006, reagiert genau auf dieses Phänomen.
Damit Frauen Fußball auf den Stadien verfolgen können, müssen sie als Frauen verschwinden. Das ist jedoch kein ausschließlich iranisches Phänomen. Es ist vielmehr eine weitere Variante eines breiteren historischen Musters: England verbot Frauenfußball im Jahr 1921 und hob das Verbot erst fünfzig Jahre später auf, Frankreich erließ einen ähnlichen Bann einige Jahre später, und seine Aufhebung erfolgte erst in den Siebzigerjahren. Brasilien ging im Jahr 1979 denselben Weg. Der Ökonom Nicolas Scelles zeigt jedoch, dass Staaten, die früher eine Politik der Geschlechtergleichheit eingeführt haben, langfristig bessere Ergebnisse auch im Frauenfußball erzielen. Der Iran ist auf diesem Weg bislang nicht.
Weltmeisterschaft in leeren Gesten
Auf diese Linie verweist der Kulturtheoretiker Babak Fozúni. Seiner Ansicht nach hat der iranische Staat — zunächst der Schah, später der islamische — den Fußball nach und nach domestiziert. Er erkannte sein Potenzial und passte ihn seinen Bedürfnissen an. Fußball im Iran ist somit keine Opposition zum Staat, sondern Teil seiner Machtausübung. Gerade deshalb ist er gefährlich, wenn er außer Kontrolle gerät.
Mahmoud Ahmadinejad, der konservative Präsident Irans, erließ im Jahr 2006 ein Dekret, das Frauen den Zutritt zu den Stadien ermöglichen sollte. Ayatollah Ali Khamenei blockierte es, die Revolutionsgarden protestierten. Fußball erwies sich als Raum, in dem politische Experimente schnell in Konflikte umschlagen.
Frauen reagierten dennoch nicht nur durch Protest, sondern durch Praxis. Durch Tanzen auf den Straßen, Tragen von Trikots, Skandieren vor verschlossenen Toren. Doch jede solche Entspannungsphase hat ihr Ende. Und danach kehrt die Kontrolle zurück.
Sahar Chodajári, die „blaue Mädchen“, wusste das. 2019 verkleidete sie sich als Mann und ging ins Stadion. Sie wurde verhaftet und drohte eine Strafe. Vor dem Gerichtsgebäude goss sie sich Benzin über den Körper. Sie starb am 9. September 2019. Sie war 29 Jahre alt. Unter dem Druck ihres Todes — und auch unter dem Druck der FIFA — ließ Iran im Oktober 2019 nach vierzig Jahren erstmals wieder Frauen ins Stadion. Dreieinhalbtausend Frauen verfolgten das Spiel im Azadi-Stadion. Hundertfünfzig Polizistinnen bewachten ihren Sektor. Die FIFA bezeichnete das als Fortschritt.
Doch gerade hier zeigt sich, wie leicht eine Veränderung Teil desselben Systems werden kann, das sie ermöglicht hat. Dieser Mechanismus wird von den Rechtstheoretikern Michele Krech und Joseph Weiler beschrieben. Die FIFA stellt für sie eine besondere Form der globalen Verwaltung dar: eine private Organisation mit enormer wirtschaftlicher Macht und eigenen Regeln, die außerhalb des internationalen Rechts und der demokratischen Kontrolle steht. In ihrer Satzung verbietet sie Diskriminierung und bekennt sich zu den Menschenrechten. Sprachlich fehlt ihr nichts. „Alle richtigen Worte und Erklärungen sind hier zu finden“, schreiben Krech und Weiler. „Aber wenn es einen Weltpokal in leeren Gesten gäbe, wäre die FIFA einer der Favoriten“, fahren sie fort.
Der Fall der iranischen Spielerinnen bestätigt diese These nur. Als sie die Hymne nicht sangen und als Verräterinnen bezeichnet wurden, forderte FIFPRO die FIFA zum Handeln auf. Die FIFA schwieg. Die australische Regierung handelte eigenständig. Die Diaspora organisierte sich selbst.
Die FIFA sprach erst, als es um die Männermannschaft ging. Infantino reagierte sofort: Iran kommt, die Spieler wollen spielen, die FIFA baut Brücken. Und lehnte die Verlegung der Spiele von Los Angeles nach Mexiko ab. Logistische Hindernisse, hieß es. Doch Logistik ist nicht die einzige Variable. Los Angeles ist gleichzeitig ein Ort mit außerordentlicher kommerzieller und symbolischer Bedeutung. Und genau dorthin führen die Brücken, die die FIFA baut.
Markterweiterung
Ähnliche Logik lässt sich auch in den humanistischen Gesten erkennen, die die ganze Geschichte begleiten. Donald Trump bot den iranischen Fußballerinnen in Australien, denen im Heimatland Sanktionen drohten, Asyl in den USA an. Derselbe Trump, der vor einigen Monaten iranische Flüchtlinge wieder nach Iran deportierte. Der australische Premierminister Albanese betonte die Unabhängigkeit seines Schrittes. Reza Pahlavi dankte Trump. Jeder dieser Schritte hatte seine eigene Adresse und seinen eigenen Kontext. Hilfe ist oft dort sichtbar, wo sie politisch oder medial genutzt werden kann.
Der Kulturtheoretiker Fozúni fügt eine weitere Dimension hinzu. Der iranische Feminismus ist nicht einheitlich. Neben sichtbaren Aktivistinnen gibt es Tausende von Frauen, die anders handeln — ohne Medien, ohne Unterstützung, ohne Garantien. Die Rettung einiger Spielerinnen ist somit nicht nur eine Geschichte der Hilfe, sondern auch eine Wahl: Wem wird geholfen und wer bleibt außerhalb des Blickfelds?
Gerade an diesem Punkt kehrt die abstrakte Machthierarchie wieder zu den einzelnen Leben zurück. Brisbane Roar bot Pasandideh und Ramezanishad Training an. Danach begann es, journalistische Anfragen an eine PR-Agentur weiterzuleiten. Die Geste war freundlich und zeigte gleichzeitig die Grenzen institutioneller Unterstützung.
Beide Spielerinnen sind seit März in Brisbane. Im April veröffentlichten sie eine Erklärung. Sie danken, bitten um Privatsphäre, verschieben ihre Zeugenaussagen auf unbestimmte Zeit. Ihre ehemalige Kapitänin Zahra Ghanbari kehrte nach Iran zurück, wurde als Heldin empfangen, ihr Vermögen wurde eingefroren und nach der „Erklärung der Unschuld“ wieder freigegeben. Weder Rückkehr noch Abreise bedeuteten für die Spielerinnen eine endgültige Lösung. Beide Optionen haben ihre spezifischen Machtbedingungen. Für sie könnte Fußball eine Emanzipation bedeuten, aber gleichzeitig halten sie sie in einem Zwischenraum unvollständiger Freiheiten.
Dieser Zwischenraum ist nicht nur die persönliche Erfahrung einiger Spielerinnen. Er ist Teil einer größeren Entwicklung im Frauenfußball. Dieser präsentiert sich heute als emanzipatorisches Projekt und ist es bis zu einem gewissen Grad auch. Gleichzeitig wächst er aber innerhalb der Institutionen, die ihn zunehmend für ihre Zwecke nutzen.
Die FIFA hat die Frauen-Weltmeisterschaft auf 32 Teams erweitert. Dieser Schritt wurde als Durchbruch präsentiert. Der Ökonom Nicolas Scelles zeigt jedoch, dass es gleichzeitig um Markterweiterung und Stärkung der Unterstützung innerhalb der Organisation ging. Der kommerzielle Wert des Frauenfußballs wächst — und damit auch das Interesse der Institutionen.
Mit diesem Interesse kommt auch ein Risiko, das Krech und Weiler als Kooptation bezeichnen. Feministische Forderungen werden übernommen und genutzt, um die bestehende Macht zu stärken. Frauenfußball wird zum Beweis für Gleichheit, Modernität, Werte. Die Spielerinnen bleiben sein sichtbares Gesicht, aber nicht seine Urheberinnen.
Infantino baut weiterhin Brücken. Über Los Angeles, über große Geldbeträge, über Hymnen, die gesungen werden und solche, die nicht gesungen werden.
Die Frage lautet also nicht mehr, ob Fußball in die Politik gehört. Das wissen wir bereits. Die Frage ist anders: Wessen Politik gewinnt darin und wessen Körper dafür bezahlen.
Der Text wird Ihnen in Zusammenarbeit mit dem tschechischen Literatur-Monatsmagazin Host präsentiert